„Kann sie sich damit nicht weh tun?“ fragte mich meine Oma, als sie sah, dass ich ihrer 11 Monate alten Urenkelin eine Gabel zum Essen reichte. „Ja, kann sie“ antwortete ich „ und dann wird sie lernen, damit umzugehen.“ Brutal, denken sich vielleicht manche. Doch ich sehe die Sache ganz anders.

Ich war noch nie ein Fan von speziellen Babyprodukten. Alles Zerbrechliche zu eliminieren und stattdessen Vergleichbares aus Plastik anzubieten, entspricht mir nicht. Mein Freund und ich verteufeln Plastik zwar nicht, aber wir versuchen es stark zu reduzieren. Ich selbst trinke auch lieber aus einem Glas als aus einer Plastikflasche. Ich mag auch kein Plastikgeschirr. Ich finde es eher unästhetisch und unappetitlich. Das gilt übrigens auch für Spielzeug. Warum also, sollte ich meinem Kind ausschließlich Gegenstände aus Plastik anbieten?
Die Antwort mancher Eltern ist eindeutig…Na, weil die Gegenstände aus anderen Materialien kaputt werden können und weil sich dein Baby damit verletzen könnte.
Klar, es kann natürlich vorkommen, dass ein Glas zu Boden fällt und zerbricht. Das kann anstrengend werden, vor allem wenn mein Baby im Krabbelalter ist. Und ja, es kann natürlich auch passieren, dass sich meine Tochter mit der Gabel in die Wange pickt und das tut dann selbstverständlich weh. Warum ich dieses Risiko trotzdem eingehe?
Ich wünsch mir, dass mein Kind weitgehend ungehindert seine eigenen Erfahrungen machen kann und sehe meinen Job darin sie dabei bestmöglich zu begleiten. Wir leben um zu lernen, wir lernen durch Beobachtung und Erfahrung.

Ich habe die romantische Vorstellung, dass ein Kind, wenn man ihm die nötige Zeit und den entsprechenden Raum dafür bereit stellt, alles lernt was es zum Leben braucht. Ich glaube daran, dass dieser Zeitpunkt viel früher ist, als es die meisten Eltern annehmen. Meine Tochter bestätigt mir diese Theorie fast täglich. Wie? Indem sie eben keine Schüssel auf den Boden wirft und sich eben nicht mit der Gabel in die Wange sticht.
Ich sehe wie genau sie beobachtet was um sie herum passiert. Tagtäglich lernt sie ihre Welt besser kennen. Dabei findet sie am Spannendsten was ihre nächsten Bezugspersonen machen, nämlich ihr Papa und ich.

Wenn sie mit ihrem Papa Kräuter vom Balkon holt, darf sie die Schere halten. Wenn sie aus ihrem Glas trinkt, darf sie das erst einmal ohne unsere Hilfe probieren, wenn sie möchte. Wenn sie aus dem 60cm hohen Doppelbett krabbeln will, kann sie es versuchen. Und die Kerze auf ihrer Torte darf sie ebenso ausblasen wie sie es bei einer Pusteblume kennengelernt hat. In all diesen Situationen stehen wir steht’s neben ihr um sie zu unterstützen wenn sie unsere Hilfe benötigt. Ihr die nötige Zeit und ausreichend Raum zu geben um eigene Erfahrungen zu sammeln, kann intensiv sein. Es erfordert eine Menge Geduld, eine Prise Mut und ganz viel Zuversicht. Doch wir werden reichlich dafür belohnt. Nämlich dann wenn wir ihre Bemühungen beobachten dürfen und immer wenn ihr etwas gelingt, was sie schon lange versucht hat.
Ich würde meine Tochter niemals alleine in Situationen wie diesen lassen. Selbstverständlich sollte man das Hantieren mit gefährlichen Objekten nicht auf die leichte Schulter nehmen. Doch genau darum geht es mir dabei. Ein Kind von Gefahren fern zu halten, wird es nicht lehren damit umzugehen. Einem Kind Entscheidungen in gefährlichen Situationen vorwegzunehmen, wird es nicht lehren diese selbstständig einzuschätzen, geschweige denn diese selbstbewusst zu bewältigen.

Ich denke, dass es manchmal leichter wäre unserer Tochter Plastikgeschirr zu reichen und ihr bei Schere, Feuer und Co ein „Nein, nein“ zuzurufen, als sie ständig aufmerksam zu begleiten. Ich hätte dann vielleicht manchmal mehr Ruhe, Freizeit und könnte mir viele Erklärungen sparen. Aber das möchte ich nicht. Ich wünsche mir für uns beide einen Alltag in dem wir Forscher, Erfinder und Abenteurer sein können. Ich möchte meine kleine, experimentierfreudige Madame auch weiterhin dabei beobachten, wie geschickt sie sich anstellt und mit welcher Ernsthaftigkeit sie versucht umzusetzen was wir ihr erklären oder vorzeigen. Mit stolz geschwollener Brust und einem breiten Grinsen applaudiert sie sich oft selbst und feiert ihren Erfolg während sie Stück für Stück selbstständiger, selbstsicherer und selbstbewusster wird.

Ich hoffe, ich kann mir die Zuversicht, dass unsere Kleine alles sehr gut selbst meistern wird, beibehalten… auch wenn sie einmal eine Große ist.
Ein werdendes Elternpaar hat einmal im Spaß, aber vermutlich doch mit einem Fünkchen Ernst, zu einem anderen werdenden Elternpaar gesagt „Na ihr habt es gut, ihr bekommt ja einen Jungen. Da müsst ihr euch einmal keine Sorgen machen wenn er abends weggehen möchte. Wir bekommen ja ein Mädchen, sie wird nicht weggehen dürfen bis sie 30 ist.“  Zum Glück teilen mein Partner und ich die Einstellung, dass wir unser Mädchen auch zukünftig ihren Freiraum geben wollen. Wir wollen sie stark und fit für die Welt da draußen machen. Gedanklich haben wir sie schon für ihren ersten Selbstverteidigungskurs angemeldet. Denn eins steht fest, sie wird eines Tages ihre Erfahrungen machen, genau wie jedes andere Kind dies früher oder später tut. Ich denke, umso früher wir ihr zutrauen, dass sie es alleine schafft, umso früher wird sie es auch alleine schaffen. Steht‘s mit der Gewissheit, dass wir für sie da sind, wenn sie uns braucht.

In diesem Sinne wird bei uns zu Hause der Apfel auch weiterhin nicht präventiv geschält, ausser wir sehen sie kämpft mit der Schale. Ich werde sie auch zukünftig nicht auf das Klettergerüst heben, wenn sie es selbst noch nicht schafft. Und ganz bestimmt werde ich sie gewiss auch morgen nicht von alltäglichen Dingen wie Schere und Geschirr fernhalten, nur um ihr Frust und mir Arbeit zu ersparen.
Lieber mache ich einen Erste-Hilfe-Kurs, begleite sie wenn sie traurig, frustriert oder wütend ist und feiere mit ihr all die kleinen und großen Erfolge.