Im ersten Lebensjahr, so sagt man, kann man ein Baby nicht zu sehr verwöhnen. Doch was kommt danach? Wann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ein Kind nicht mehr nur bedürfnisorientiert handelt, sondern nach und nach beginnt seine Wohlfühlzone zu verteidigen.
Meine Tochter ist heute genau 13 Monate alt. Vor einer Woche hatte sie ihren ersten richtigen Tobsuchtsanfall. Den ersten, bei dem ich das Gefühl hatte, dass es sich nicht um Hunger, Müdigkeit oder Angst handelt, sondern sie einfach unbedingt auf meinen Arm wollte. Grundsätzlich freue ich mich wenn sie zwischenzeitlich zu mir krabbelt um eine Minipause bei mir zu machen. Ich glaube, sie holt sich dabei Sicherheit und Ruhe um danach wieder neugierig die Umgebung zu erkunden oder vertieft weiterzuspielen. Doch an manchen Tagen beginnt der Tag bereits damit, dass sie an meinem sprichwörtlichen Rockzipfel hängt. Da sie noch nicht gehen kann, krallt sie sich in den Stoff meines Nachthemdes und zieht sich daran hoch. Ich versuche dann das Frühstück zu machen während sie mich regelrecht anplärrt dabei.
Müde bin ich nicht sehr belastbar. Aus diesem Grund kommt sie damit auch meist recht weit. Manchmal nehme ich sie, noch von der durchwachten Nacht benebelt, ganz selbstverständlich hoch und merke erst wenn ich die zweite Hand dringend brauche, dass diese nicht verfügbar ist, weil sie mein Kind stützt.
Bei meinem Freund hat sie es da nicht so leicht. Von Geburt an fällt es ihm einfach leichter als mir, sie schreien zu hören. Dieses tief verwurzelte Mamagen, wie ich es gerne nenne, wird mir langsam zum Verhängnis. Denn es führt dazu, dass mich die kleine Madame schon beim Aufstehen anraunzt und spätestens beim Frühstück anbrüllt. Ich denke, wir sind an einem Punkt angekommen, an dem „Erziehung“ ein Thema wird. Ich weiß, „Erziehung“ darf man heute gar nicht mehr sagen. Was ich meine ist auch eher eine Form der Begleitung. Doch unter „Erziehung“ kann sich jeder gleich vorstellen, was gemeint ist. Ich begleite meine Tochter von Anfang an, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen diese Begleitung hinsichtlich der Entwicklung ihres eigenen Willens auszuweiten. Und diese Entwicklung ist ganz schön kräfteraubend, das kann ich euch sagen. Ein starker Willen ist im späteren Leben bestimmt von Vorteil. Schön, dass die kleine Madame so gut weiß was sie will. Aber aktuell steht sie sich damit leider selbst und vor allem mir zeitweise ziemlich im Weg. Ihr starker Willen zeigt sich in Vehemenz und Jähzorn, eine Kombination die einem schon vor dem Zähneputzen ein Burnout bescheren kann.
Irgendwie war die Sache mit dem Trotzen als Kindergärtnerin und beim babysitten einfacher. Ich war jahrelang als Kindergärtnerin und Kindermädchen bei unzähligen Familien tätig. Tobsuchtsanfälle an der Supermarktkassa, Rotz und Trotz am Spielplatz und Wutanfälle beim Mittagessen…been there, seen that, done that! Und mit so einer Coolness…das sag ich euch. Ich war ein echter Zornbinkerl-Profi.

Warum bitte, ist es um so vieles Schwerer beim eigenen Kind Ruhe zu bewahren? Ich kann es euch noch nicht sagen. Aber was bestimmt mitspielt, ist die Tatsache, dass ich das Gefühl habe sie braucht speziell mich. Ich bin ihre Nummer eins, ihre erste Bindungsperson, ihre Mama eben. Wenn sie verzweifelt ist, möchte ich für sie da sein. Ich möchte sie halten und trösten, ihr zeigen, dass ich bei ihr bin und bleibe, auch wenn sie gerade ein Arschloch ist. Oh ja, bitte seid ehrlich, manchmal sind unsere Kinder kleine Arschlöcher. Nie und nimmer würde ich ihr das so sagen, aber denken ist ja wohl erlaubt, nicht wahr? Vor allem bleibt bei meinem eigenen Kind immer ein Funken Sorge, es könnte doch auch etwas anderes der Grund für ihr Schreien sein. Vielleicht hat sie ja Zahnweh, vielleicht fühlt sie sich nicht gut…Ich lasse mich einfach viel leichter verunsichern, als damals mit „fremden“ Kindern.
Was mach ich nun mit einem brüllenden, sich in Ektase windenden Klotz am Bein. Ignorieren, abschütteln oder doch hochnehmen?

Ich sage euch, das ist keine Frage die ich mir einmal stelle und dann die vermeintliche Antwort als Programm ablaufen lasse wann immer es zu einer vergleichbaren Situation kommt. Es ist eine Frage die ich mir mittlerweile fast täglich stelle. Ich glaube, es gibt auch nicht nur eine Antwort auf diese Frage. Ich denke, es ist von großer Bedeutung jeden Tag eine neue, für den Moment passende Antwort zu finden. Das Problem dabei ist nur, dass mich in der Früh, dann wenn es an der Zeit wäre diese Entscheidung zu treffen, meist meine bis zu den Knie hängenden Augenringe und mein Durst nach einer Wagenladung Koffein daran hindern klar zu denken.

Ich möchte die liebevolle, verständnisvolle und einfühlsame Mama bleiben, die ich bin. Ich möchte aber auch verhindern, dass die Bedürfnisse meines Kindes über denen aller anderen Familienmitglieder stehen, ich die Klagemauer meiner Tochter werde und sie all ihren Frust immer nur in mein Hosenbein rotzt.
Aus diesem Grund habe ich beschlossen mir, vielleicht manchmal entgegen der pädagogisch wertvollen Variante immer situationsbedingt und bedürfnisorientiert auf mein Kind einzugehen, einen Notfallplan auszuarbeiten.

Wann immer mein Mädchen sichtlich Schmerzen hat, werde ich alles Liegen und Stehen lassen und ihr die Nähe geben die sie braucht. In allen anderen Fällen, also manchmal auch bei Müdigkeit, Unruhe, Grant und anderen Unpässlichkeiten, werde ich versuchen meinen morgendlichen Plan trotzdem zu verwirklichen. So wie ich mich kenne, werde ich ihr auch weiterhin erklären was ich warum tue, auch wenn ihr Gebrüll meine Worte übertönt. Ganz bestimmt werde ich sie aber sobald sie sich beruhigt hat hochnehmen um ihr zu erzählen warum ich so reagiert habe und wie es mir dabei geht, wenn sie sich schon kurz nach dem Aufstehen in meine Wade krallt und mich unaufhörlich anbrüllt. Insofern handle ich dann ja doch hoffentlich wieder sehr feinfühlig, liebevoll und verständnisvoll.

Ob mein Weg der Richtige ist? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, vor allem als Eltern ist es wichtig Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen. Denn Kinder brauchen Klarheit. Ist eine Mama entschlossen anstelle von unsicher, kann ihr Kind wahrscheinlich leichter loslassen und zur Ruhe finden.
Ist eine Mama auch auf ihr eigenes Wohl bedacht, ist sie ihrem Kind ein Vorbild hinsichtlich Selbstliebe. Meiner Meinung nach, sollte jedes Kind die Erfahrung machen, dass es mit Menschen zusammenlebt die ebenfalls Bedürfnisse haben. Diese können sich grundlegend von den eigenen unterscheiden. Ich denke Erfahrungen wie diese sind entscheidend um Eigenschaften wie Empathie und Verständnis für die Gefühle und Bedürfnisse anderer Lebewesen zu entwickeln.

Mal sehen, was mein kleines Wutbinkerl von Mamas Überlegungen hält…